Der Vokativ als Kasus, als Anrede-Nominativ, als Modus, als Adressiv
Je tiefer man sich hineinliest,
desto deutlicher zeigt sich seine definitorische Unschärfe:
mal wird er als grammatische Kategorie,
mal als prosodisches Phänomen,
mal als pragmatische Funktion beschrieben.
Nie ist er ganz das eine –
und doch scheint er alles zugleich zu berühren.
Der Vokativ ist weniger eine feste Kategorie
als eine Möglichkeit Aufmerksamkeit zu generieren.
Weniger regelbehaftet als gesprächs- und beziehungskonstruierend.
Trotz und wegen aller Unschärfe,
braucht es eine Arbeitsdefinition.
Nicht, weil sie endgültig wäre,
sondern weil ich irgendwo anfangen muss,
wenn ich über Anrede sprechen will.
Meine Arbeitsdefinition für Vokative:
Vokative sind nominale Ausdrucksformen (häufig Eigennamen oder Appellativa), die in vokativischer (also anrufender) Funktion eingesetzt werden, d.h. zur Herstellung, Aufrechterhaltung oder Modulation einer Sprecher:innen-Hörer:innen-Relation. Sie können morphologisch mit dem Nominativ zusammenfallen („Anredenominativ“, vgl. Glück 2005), sind aber nicht mit diesem gleichzusetzen. Ihre Bestimmung liegt nicht in syntaktischen Relationen, sondern in ihrer diskurspragmatischen Funktion der Adressierung. Vereinfacht dargestellt, bedeutet dies, dass Vokative keine Satzglieder, sondern kommunikative Einbettungen sind, welche zur Steuerung von Diskursen beitragen.
Ja …
Schön und gut, aber fertig bin ich damit noch lange nicht,
denn Vokative sind nur ein Teil der Adressierungspraktiken.
Was ich mir noch anschauen muss, sind Pronomen,
ist, wie Subjekte in Gesprächen gemacht werden,
sind verbale Mittel allgemein.
Und während ich andere verbale Mittel beschreibe und nonverbale hinzuziehe,
auf paraverbale Auffälligkeiten versuche einzugehen
und verstehen will, wie meine Fachrichtungen sich miteinander vereinbaren lassen
ohne den Punkt zu verpassen, an dem das Ganze zu groß wird
und trotzdem gute wissenschaftliche Arbeit zu leisten,
werden die Notizen immer länger und der Fokus leider nicht enger.
Ein Einblick:
Linguistik sagt „Du“ –
als wäre das schon alles.
Als wär Nähe ein Pronomen,
und Beziehung eine grammatische Kategorie.
Pädagogik sagt „Subjekt“ –
als wär ich schon jemand geworden,
bevor ich überhaupt geantwortet hab.
Und ich?
Ich steh dazwischen.
Zwischen Transkript und Theorie,
zwischen „DU“ und „SIE“ –
zwischen Sprechen und Schweigen.
Ich untersuche,
wie Lehrpersonen ihre Schüler:innen adressieren,
und dabei, ohne es zu merken,
verletzen:
Nähe. Kontrolle. Humor. Ausschluss.
Ein „so, liebe Leute“ kann verbinden.
Ein „das ist gar nicht kompliziert“ kann trennen.
Ich höre hin,
wie Sprache Ordnung schafft –
und manchmal Unordnung.
Wie Macht durch Vokative fließt,
durch Imperative, Pronomen, Blicke,
durch das kleine Wörtchen „wir“,
das doch manchmal nur „ihr“ meint.
Ich höre Stimmen,
die zwar wissen,
dass sie untersucht werden,
mir aber mit der Zeit sehr ans Herz gewachsen sind.
Ich stoppe, spule zurück,
analysiere Betonungen, Pausen,
Positionen im Raum und wie etwas gemeint sein könnte.
Und dann –
höre ich meine eigene Stimme.
Zwischen den Zeilen.
In der Transkription meiner Zweifel.
Ich frage mich,
ob ich überhaupt berechtigt bin,
über andere zu sprechen,
während ich selbst kaum weiß,
wie man sich richtig adressiert –
im wissenschaftlichen Sinn.
Oder im menschlichen.
Forschung sagt:
Objektiv bleiben.
Systematisch vorgehen.
Gesprächssequenzen kodieren.
Ich schließe meine Augen und atme –
und verliere mich im Rhythmus der Redebeiträge.
Der wissenschaftliche Anspruch sagt:
Reflektieren!
Zielgerichtet bleiben!
Präsentieren und publizieren
Ich nicke diesmal –
und frage mich, wann ich aufgehört hab,
einfach nur zuzuhören.
Ich promoviere.
Ich kämpfe mit Worten,
mit Wörtern,
mit Word.
Mit der Angst,
nicht genug zu wissen –
und zu viel zu denken.
Zwischen Datensatz und Deadline.
Zwischen Theorie und Traum.
Zwischen dem Glauben an die Sprache
und der Sprachlosigkeit,
wenn’s um das große Ganze geht.
Manchmal denk ich,
diese Dissertation wird kein Text,
sondern ein Selbstgespräch.
Ein Versuch, sich
zwischen Nähe und Distanz,
zwischen „Du“, „Sie“ und „Subjekt“,
um Kopf und Kragen zu schreiben,
um zu bleiben.
Ich nenne das:
wissenschaftliche Verzweiflung mit Stil.
Ich will zeigen,
dass Adressierung mehr ist
als Anredeformen oder Höflichkeitsgrade.
Dass in jedem „Hey“,
in jedem Diminutiv,
und in jedem Pfiff
eine ganze Welt von Bedeutungen mitschwingt.
Dass Unterricht ein Chor aus Stimmen ist –
und ich nur versuche,
die Zwischentöne hörbar zu machen.
Aber manchmal,
wenn ich beim Transkribieren innehalte,
hör ich nur meinen eigenen Atmen.
Und frage mich,
wer mich eigentlich adressiert.
Wann, wie und als wer?
Wer ist man schon in dieser Phase der Promotion?
Linguistik sagt: „Du“.
Pädagogik sagt: „Subjekt“.
Und ich sag:
Ich versuch’s halt.
Zwischen Fußnoten und Furcht.
Zwischen Satzbau und Selbstzweifel.
Zwischen publish or perish
Und „Möchten Sie Ihre Änderungen speichern?“
Zwischen Linguistik und Erziehungswissenschaft.
Aber vielleicht stehe ich gar nicht zwischen den Disziplinen,
sondern bin ein Teil von ihnen.
Vielleicht ist das, was mich ausmacht, dass ich mehr sein kann.
Mehr als durchgearbeitete Nächte
und zu früh erwachter Zweifel.
Ich promoviere.
Ich forsche.
Ich frage.
Ich zweifle.
Ich werfe um.
Ich starte neu.
Ich gebe nicht auf. (noch nicht)
Ich höre zu.
Und vielleicht,
ganz vielleicht,
gehört meine Stimme
genau da hin –
zwischen „Du“ und „Subjekt“.
Ich forsche weiter –
nicht nur, was gesagt wird,
sondern wie jemand durch Sprache
sichtbar oder unsichtbar gemacht wird.
Ich untersuche,
wie sich Adressierung und Sprachgewalten kreuzen,
ineinandergreifen,
sich verstärken oder aufheben.
Denn jede Adressierung
kann eine Einladung sein –
oder eine Grenzziehung.
Jeder Blick – ein Angebot,
aber auch ein Eingriff.
Wenn ich über Adressierung spreche,
spreche ich über Macht.
Über das Recht, jemandem eine Stimme zu geben,
oder sie zu nehmen.
Über das, was gesagt werden darf –
und was unausgesprochen bleibt.
In der Unterrichtskommunikation
zeigt sich das in den kleinsten Momenten:
Wenn eine Lehrperson sagt:
„Na, wer von euch hat aufgepasst?“
Oder: „Hast du deine Hausaufgaben gemacht?“
Dann geschieht Adressierung –
nicht neutral, sondern wirksam.
Sie schafft Zugehörigkeit,
aber auch Distanz.
Sie kann Selbstermächtigung fördern –
oder Ausgrenzung bewirken.
Ich nenne das:
Sprachgewaltig.
Nicht im Sinne von Lautstärke,
sondern im Sinne von Wirkung.
Sprache wirkt.
Sie formt Rollen,
Zugehörigkeit,
Wert.
Und genau das will ich verstehen –
nicht, um zu verurteilen,
sondern um sichtbar zu machen.
Nicht, um Probleme zu beklagen,
sondern um sie als Herausforderungen zu begreifen,
die überwunden werden können.
Denn wer Adressierung erforscht,
forscht auch an sich selbst.
Ich erkenne mich wieder –
in Aussagen der Lehrpersonen,
in den Reaktionen der Schüler:innen,
in der Suche nach dem richtigen Ton.
Ich forsche,
weil ich glaube,
dass Sprache nie nur Mittel,
sondern immer auch Handlung ist.
Und dass Beziehungsarbeit beginnt,
wo wir lernen,
wie wir einander ansprechen.
Das ist die Hoffnung meiner Dissertation:
Adressierung und Sprachgewalten
zusammen zu denken,
zu analysieren
und in die Tiefe zu gehen –
dorthin, wo Sprache Macht wird,
und Macht vielleicht –
zur Möglichkeit von Veränderung.
Ich steh also dazwischen –
zwischen Theorie und Alltag,
zwischen Analyse und Empathie,
zwischen Sprachgewalt
und Sprachgestaltung.
Und vielleicht,
genau da,
wo es schwierig wird,
liegt das Potenzial:
neues zu entdecken,
und nicht als Problem anzuerkennen,
sondern als Herausforderung,
die in Angriff genommen werden kann.
Science Slam, geschrieben fürs Forschungsfestival am 6. November 2025
©Alexandra Warda