1.6 Bin ich gut genug?

Wie viel ist genug, was ist vielleicht zu viel (für mich)?

Gibt es ein zu viel? Zu viele Tagungen, Forschungswerkstätten, Artikel, Projekte …?

Im wissenschaftlichen Bereich – fürchte ich – nicht.

Mensch könnte immer noch mehr leisten, mehr meistern.

Warum nicht auch noch auf die Tagung bewerben, noch einen Vortrag halten oder auch mal einen Workshop vorbereiten.

Ein neues Format ausprobieren und dabei die eigene Forschung und vor allem den eigenen Diss-Fortschritt nicht aus den Augen verlieren.

Uff

Warum habe ich noch keinen Artikel veröffentlicht, wo mir doch bestimmt drei mehr als passende Ausschreibungen im Mail-Postfach zugeflogen sind im letzten Jahr.

Ja, warum eigentlich nicht?

Mit Abstand kann ich sehen und sagen, wie viel Zeit das alles frisst. Dass Wochenende nicht gleich Freizeit ist, wenn man sie sich nicht nimmt.

Ich bin super privilegiert. Ich habe keine 40-Stunden-Woche, wenn ich nicht will, aber manchmal habe ich auch eine 60-Stunden-Woche, wenn ich sicher sein will, alles zu schaffen.

Fehlplanung oder zu volle To-Do-Liste? Mag sein, vielleicht könnte ich manchmal effektiver planen und effizienter arbeiten, aber mein Leben besteht aus so vielen Komponenten, die alle berücksichtigt werden wollen und sollen.

Mich mehrere Tage auf nur eine Aufgabe zu fokussieren ist utopisch, wenn man nicht eremitenhaft alle Kontakte nach außen kappt, denn irgendwer will immer was.

Und das ist okay, aber es ist für eine Person wie mich, die gerne plant und Listen liebt, etwas, woran ich mich gewohnen muss(te)…

Dann schiebe ich die Aufgabe halt irgendwie um kurz nach 10 ein, weil ich statt im Flow zu bleiben, eben mal die Mails gecheckt habe. Schon ist es halb 12 und ohne Mittagessen ohne mich. Mist, jetzt hab ich nur noch zwei Stunden, bis ich los muss, um pünktlich zur Ausschutzsitzung heute Nachmittag wieder startklar am Laptop zu sein. Das Meeting dauert wieder 2 ½ statt nur 2 Stunden und schon ist 19:30 Uhr durch…

Ich habe wieder viel zu viel gemacht, wieder nichts geschafft und anstatt eine Pause einzulegen, gebe ich mir einen Ruck und arbeite noch zwei Stunden, damit ich morgen nicht muss (Lohnarbeit, gibt’s ja auch noch…).

Immer, wenn ich den Laptop gerade zuklappen will, fällt mir ein, dass ich noch eine Arbeit Korrekturlesen wollte. Und obwohl ich mit der Freundin gesprochen habe und sie meine Rückmeldung nicht allzu dringend braucht, liegt mir doch gerade sowas abends schwer im Bauch, weil ich meinen Ansprüchen gerecht werden will, vor allem, wenn es um die soziale Komponente geht.

Ich bin super privilegiert. Mit 27 Jahren promoviere ich mit Unterstützung eines Stipendiums. Ich kann mich die meiste Zeit nur auf mein Thema konzentrieren und muss kein größeres Projekt vorantreiben oder Gelder beantragen. Ich muss nichts veröffentlichen oder Vorträge halten, muss keine Verwaltungstätigkeiten übernehmen, aber in der Realität ist es wahrscheinlich egal, welchen Job und welche Voraussetzungen man hat. Arbeit in der Wissenschaft ist anspruchsvoll, wenn man selbst Ansprüche hat.

Aber gerade das macht es möglich, die eigenen Ansprüche zu reflektieren, anzupassen und so manches Mal über sich selbst hinauszuwachsen.

Also zu den Fragen am Anfang.

Du bist genauso gut und genug, wie ich. Zu viel gibt es, wenn es sich zu viel anfühlt. Jede:r so gut er/sie kann und will.

(Was man so runterschreibt, während man in einer Keynote sitzt… Ich passe dann mal wieder auf, aber musste mich ablenken, denn gleich trage ich selber vor…)

Ps: Selbstzweifel sind ganz normal, sie sollten nur nicht zur alltäglichen Begleitung werden…

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