Seit einem knappen halben Jahr promoviere ich nun schon (oder erst, das ist Ansichtssache). Seit einem halben Jahr trage ich einen Ausweis mit mir umher, der mir ein vergünstigtes Mittagessen und 49€-Ticket ermöglicht. Seit einem halben Jahr darf ich immer wieder die Erfahrung machen, dass Menschen ihre Mundwinkel sehr tief nach unten ziehen und anerkennend nicken, wenn ich sage, was ich den lieben langen Tag so mache und wie ich meine Miete bezahle. Ich bin immer noch dabei, diese neue Rolle zu finden und sie mit dem Inhalt zu füllen, den ich als sinnvoll empfinde. Nicht mehr Studentin, noch (lange) nicht fertig promoviert, nicht mehr ganz am Anfang, aber noch sehr auf der Suche nach der perfekten Forschungsfrage. Weder Fisch noch Fleisch, könnte man sagen. Die Krankenkasse und weitere Institutionen rund um Versicherungs-Fragen und Ähnlichem sehen das übrigens auch so, aber das kann an anderer Stelle mal besprochen werden.
Wahrscheinlich ist es ein recht menschlicher Prozess, in neue Rollen erst hineinwachsen zu müssen und erst im Tun zu verstehen, was es eigentlich bedeutet, nun zu promovieren. Eine Selbstzuschreibung, die mir dabei vor allem in den letzten Wochen immer bewusster geworden ist, ist die Rolle als Forscherin. Ich sitze während meiner Dissertation nicht nur in meinem Büro und lese, was sich andere Forscher*innen zu diesem und jenem Thema gedacht haben, sondern möchte mir selbst einen Feldzugang erschließen und eigene Erhebungen durchführen. Im Kontakt mit potentiellen Interview-Teilnehmer*innen muss ich mich irgendwie vorstellen und irgendwie erklären, was ich mache. „Hallo, ich bin Sarah, ich arbeite gerade an meiner Doktorarbeit hier an der Uni.“ Aha, okay, good for you. Ich frage mich häufig, wie ich in verschiedenen Kontexten wahrgenommen werde, wenn ich mich so ‚positioniere‘. Manche verstehen erstmal nicht genau, was eine Doktorarbeit sein soll oder dass man eine Doktorarbeit auch außerhalb der Medizin schreibt. Dann habe ich den Eindruck, dass Menschen manchmal ein wenig brauchen, um mich aus der Schublade, in die sie mich zuerst gesteckt hätten, wieder umzusortieren. Vielleicht sehe ich zu jung aus? Vielleicht trage ich nicht die stereotyp passende Kleidung? Und ganz grundsätzlich ist das Phänomen, dass sich jemand vorstellt und dann auch noch so großes Interesse ein einer Alltagspraxis zeigt, recht selten. Wer sollte die Zeit haben, sich mit dem sprachlichen Verhalten von verschiedenen Menschen auseinander zu setzen? Die ‚Verwissenschaftlichung des Alltagswissens‘ – eine eigenartige Idee. Es ist ja nun doch recht abstrakt. Häufig finde ich mich auf einem metaphorischen Drahtseil wieder, auf dem ich zwischen der gemeinsamen Ratlosigkeit über diese Ausgangslange und dem Versichern der Relevanz dieser Arbeit balanciere. Ich bin stark davon überzeugt, dass mein Thema sehr wichtig ist, gleichzeitig kann ich wirklich gut verstehen, wenn Menschen größere Sorgen im Leben haben, als sich mit mir hinzusetzen um mir ihre Zeit und Erfahrungsberichte zu schenken. Mir ist es wichtig, diese verschiedenen Realitäten so gut es geht mitzudenken und zu verstehen, welche Haltung ich vermittle, wenn ich mich im Feld bewege. In die Schublade der Allwissenden möchte ich jedenfalls auf keinen Fall sortiert werden. Doch dass es verunsichern kann, wenn sich jemand als ‚Forscherin‘ (und dann nicht mal für Naturwissenschaften) entpuppt, verstehe ich. Gleichzeitig ist natürlich niemandem geholfen, wenn ich mich paternalistisch oder überheblich benehme oder von vorne rein die Annahme habe, dass mein Gegenüber nicht weiß, was eine Doktorarbeit ist. Es ist eben ein Drahtseil-Akt. Ich bin dabei, mir das einzugestehen und in mein Handeln einzutragen.
In diesem Sinne kam hier eine minikleine erste Einführung, wer ich bin und wie ich meine Rolle verstehe. Ein Ausschnitt aus einer Reflexion, die sicherlich (und hoffentlich) nie abgeschlossen ist. Vielleicht wird sie ja auch auf diesem Blog noch weiter geführt.
Liebe Grüße!
Sarah