Liebe Leser:innen,
in meinem letzten Blogbeitrag habe ich euch bereits einen Bericht über den Vortrag, den Alex und ich letzten Freitag gehalten haben, versprochen; ich möchte diesen Bericht gerne mit der Reflexion über ein weiteres Ereignis, das sich in den vergangenen Wochen zugetragen hat, verknüpfen: der Europawahl. Das verbindende Moment beider Ereignisse ist die Frage nach politischer Verantwortung.
In einem Promotionskolleg, das von einer gewerkschaftlichen Stiftung gefördert wird und dessen primäre Fragestellung sich auf Mitbestimmung durch sprachliche Strategien und Handlungen bezieht, schwingt das Thema politische Verantwortung natürlich immer (mehr oder weniger) latent mit – doch das aktuelle Wahlergebnis, in dem eine rechtspopulistische (bzw. in weiten Teilen sogar rechtsextreme) Partei zweitstärkste Kraft in Deutschland wird und sich dieses Ergebnis auch in den Stimmanteilen der 16 – 24 – Jährigen wiederspiegelt, rückt mir diese Frage noch einmal besonders ins Bewusstsein.
Fünf Tage nach der Bekanntgabe des geschilderten Wahlergebnisses, standen Alex und ich vor 64 Oberstufenschüler:innen eines Gymnasiums in Baden-Württemberg, um zwei Stunden mit diesen über die verletzende Macht der Sprache und insbesondere über rassistische und sexistische Slurs und die damit einhergehende Diskriminierung von bestimmten gesellschaftlichen Gruppen zu diskutieren. Der Vortrag fand im Kontext einer Projektwoche zu Toleranz und Demokratiebildung statt und hatte somit auch die Zielsetzung, zur Reflexion über Sprachhandlungen und deren Zusammenhang mit demokratischen und gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen anzuregen. Vor diesem Hintergrund stellte sich mir im Vorbereitungsprozess die Frage, die auch Sarah bereits in ihrem letzten Blogbeitrag gestellt hat: Was ist meine Rolle, wenn ich als Wissenschaftler:in zu einem Gastvortrag eingeladen werde, zumal wenn es in diesem Vortrag um Themen geht, die ggf. eine subjektive Meinung oder eine moralische Wertung erfordern? Und inwiefern habe ich durch den schulischen Kontext eine ‚erzieherische‘ Verantwortung gegenüber den Zuhörenden?
Die Lösung, die ich für diese Problematik im Kontext des Vortrags gefunden habe, bestand darin, meine Bedenken diesbezüglich transparent zu gestalten. Als weiße Frau befinde ich mich in der privilegierten Position Rassismuserfahrungen nur als Zeugin mitzuerleben; von Alltagsrassismus und fremdenfeindlichen Parolen und Parteiprogrammen bin ich nur indirekt betroffen; was berechtigt mich, darüber zu sprechen? Und ist es nicht auch verwerflich, diskriminierten Gruppen die Verantwortung für den Diskurs zuzuschieben? Ist es möglich, wie im sprachwissenschaftlichen Kontext verlangt, rein deskriptiv über diskriminierende Hetze zu forschen? Letzteres halte ich für eine mögliche Lösungsstrategie: Als Sprachwissenschaftlerin kann ich Phänomene beschreiben und strukturell einordnen. Als Mitglied einer demokratischen Gesellschaft wiederum, kann ich eine politische Haltung zu diesem Themen haben, die auf meinen moralischen Annahmen basiert. Diese Annahmen wiederum muss ich ständig hinterfragen und ggf. anpassen, da ich selbst über ein Informationsdefizit verfüge; die einzige Möglichkeit, diesen Anspruch zu erfüllen besteht eben darin, dass ich mich dem Diskurs nicht entziehe und mit verschiedenen Menschen diskutiere.
Mit den Schüler:innen haben wir versucht, es so umzusetzen: Wir haben viele Fragen gestellt und zugehört, wenn sie ihre Meinungen begründet haben. Zugleich haben wir auch unsere eigene Meinung zur Diskussion gestellt und waren als Vortragende in einer inhaltlichen Machtposition; durch unsere Rolle als Sprachwissenschaftlerinnen wurde uns möglicherweise Expert:innenwissen zugeschrieben. Ich hoffe, es ist uns dennoch geglückt, einen gemeinsamen kommunikativen Diskurs über die Themen zu führen.
Ich würde mich wünschen, dass ich vielleicht auch durch mein Promotionsprojekt – das sich ja mit argumentativen Strategien in sozialen Netzwerken und dadurch auch mit politischen Inhalten beschäftigt – etwas zu einem gemeinsamen Diskurs beitragen kann. Mit einer weiteren Kollegin aus dem Promotionskolleg habe ich neulich über dieses Thema gesprochen. Wir waren beide gleichermaßen schockiert von dem Wahlergebnis und fragten uns, wie wir im Kontext unserer Forschung mit rechtspopulistischen Ansichten in weiten Teilen der Bevölkerung umgehen sollten. Ratlos waren wir vor allem in Bezug auf das Problem, dass, laut statistischer Auswertung, insbesondere Bevölkerungsgruppen mit einer schlechteren wirtschaftlichen Situation und/oder einfacher Bildung, eher rechtspopulistisch gewählt hatten. Als privilegierte Doktorandin ist es leicht zu sagen, dass man durch seine politische Stimme auch diese Bevölkerungsgruppen unterstützen möchte – schließlich sei soziale Gerechtigkeit ja ein Kernanliegen links-liberaler und sozialdemokratischer Parteien. Doch das konträre Wahlverhalten betroffener Personen bringt mich zu der Frage, ob ich arrogant und paternalistisch, von falschen Bedürfnissen dieser Personen ausgehe.
Ich stelle mir die Resolution, meine Positionen kritischer zu hinterfragen und mehr zuzuhören, wobei ich zugleich auf einer antifaschistischen und demokratischen Haltung beharre. Als politische Person, wie auch als Wissenschaftlerin, sehe ich es als Aufgabe, Zusammenhänge zu verstehen, diese zu kommunizieren und Lösungen für Konflikte zu finden. Die Resolution betrifft daher sowohl mein alltägliches Leben als auch meine wissenschaftliche Arbeit. Ich hoffe, ich kann diese umsetzen.
Liebe Grüße
Hannah